Warum mehrstufige Genehmigungsprozesse scheitern und was Sie dagegen tun können
Dr. Petra Vogt arbeitet seit Jahren daran, Genehmigungsstrukturen in mittelständischen und großen Organisationen zu vereinfachen. Wir haben sie gefragt, wo die häufigsten Probleme liegen und wie ein strukturierter Ansatz helfen kann.
Was ist Ihrer Erfahrung nach die häufigste Ursache für überlange Genehmigungsprozesse in Organisationen?
Die häufigste Ursache ist nicht Böswilligkeit oder Bürokratismus um seiner selbst willen. Es ist eher das Gegenteil: Viele Genehmigungsstufen entstehen, weil irgendwann jemand einen Fehler gemacht hat und seitdem eine weitere Unterschrift als Absicherung hinzugefügt wurde. Diese Stufen summieren sich über Jahre. Irgendwann hat niemand mehr einen Überblick darüber, warum jede Stufe existiert. Wenn Sie heute Ihren Prozess dokumentieren und bei jeder Stufe fragen, welches konkrete Risiko sie absichert, werden Sie feststellen, dass ein Teil der Antworten fehlt. Das ist der Ausgangspunkt für eine sinnvolle Vereinfachung. Beginnen Sie dort, wo die Begründung unklar ist — nicht dort, wo der Prozess am langsamsten wirkt, denn Langsamkeit allein sagt noch nichts über Überflüssigkeit aus.
Wie unterscheiden Sie zwischen einer notwendigen und einer überflüssigen Genehmigungsstufe?
Eine notwendige Genehmigungsstufe erfüllt mindestens eine von drei Funktionen: Sie sichert ein nachweisbares Risiko ab, sie stellt sicher, dass relevantes Fachwissen in die Entscheidung einfließt, oder sie erfüllt eine gesetzliche oder regulatorische Anforderung. Wenn keine dieser drei Bedingungen zutrifft, sollten Sie die Stufe ernsthaft hinterfragen. In der Praxis empfehle ich ein einfaches Raster: Schreiben Sie für jede Stufe auf, welches Risiko sie kontrolliert, wer die Qualifikation für diese Beurteilung mitbringt und welche Norm oder Richtlinie sie verlangt. Bleibt eine Spalte leer, beginnt das Gespräch. Das klingt simpel, aber die meisten Organisationen haben dieses Raster noch nie systematisch ausgefüllt. Die Überraschung ist fast immer dieselbe: Es gibt mehr unbegründete Stufen als erwartet.
Welche Rolle spielt Unternehmenskultur bei der Vereinfachung von Genehmigungsabläufen?
Eine sehr zentrale Rolle — und das wird häufig unterschätzt. Prozesse sind nicht nur Diagramme auf Papier. Sie spiegeln wider, wem in einer Organisation vertraut wird und wem nicht. Wenn eine Führungskraft eine Genehmigungsstufe streicht, signalisiert sie damit implizit Vertrauen in die Personen auf der darunter liegenden Ebene. Das kann in manchen Kulturen als Stärke wahrgenommen werden, in anderen als Kontrollverlust. Deshalb ist die rein technische Analyse der Prozesse nur der erste Schritt. Der zweite Schritt ist ein offenes Gespräch darüber, was die bestehenden Stufen kulturell bedeuten. Ohne dieses Gespräch werden vereinfachte Prozesse oft still unterlaufen — es entstehen informelle Schleifen, die den formalen Prozess ersetzen und am Ende genauso langsam sind.
Was empfehlen Sie als ersten konkreten Schritt für eine Organisation, die ihre Freigabeketten verkürzen möchte?
Der erste Schritt ist Dokumentation — aber nicht die Art, die in schönen Flussdiagrammen endet und dann in einer Schublade verschwindet. Ich meine eine lebendige Dokumentation, bei der Sie die tatsächlichen Durchlaufzeiten erfassen: Wie lange liegt ein Antrag im Durchschnitt bei jeder Station? Wo entstehen die längsten Wartezeiten? Diese Daten überraschen regelmäßig. Die Station, die alle als Engpass vermuten, ist selten das eigentliche Problem. Oft steckt die Verzögerung an einer unscheinbaren Stelle, wo jemand auf Rückmeldung wartet oder Unterlagen fehlen. Erst wenn Sie diese Zahlen haben, können Sie gezielt eingreifen. Ohne Daten optimieren Sie auf der Basis von Vermutungen — und das führt selten zu dauerhafter Verbesserung.
Wie stellen Sie sicher, dass ein vereinfachter Prozess langfristig stabil bleibt und nicht wieder komplexer wird?
Vereinfachte Prozesse brauchen eine klare Eigentümerschaft. Das bedeutet: Eine definierte Person oder Funktion ist dafür verantwortlich, den Prozess regelmäßig zu überprüfen und neue Genehmigungsstufen zu begründen, bevor sie hinzugefügt werden. Ohne diese Funktion wächst Komplexität von selbst — jeder Vorfall erzeugt den Impuls, eine weitere Kontrolle einzuführen. Ein einfaches Instrument ist ein jährlicher Prozesscheck, bei dem alle Stufen erneut gegen das Dreispalten-Raster geprüft werden. Das dauert in der Regel weniger als einen halben Tag. Der eigentliche Aufwand liegt im Vorab-Gespräch mit den Beteiligten. Aber dieser Aufwand ist deutlich kleiner als der Schaden, den ein unkontrolliert gewachsener Prozess über mehrere Jahre verursacht.